Wo Regulatorik der einen Interessengemeinschaft nützt, hindert sie andere wiederum an Innovation. Bestes Beispiel ist der Zwang, USB-C als Standard für technische Geräte festzulegen. An den Stellen, an denen Klarheit helfen würde, hat dies nur zu einem undurchsichtigen und teils brandgefährlichen Markt geführt. Definiert wurde zwar in der EU-Norm, dass Geräte (gestaffelt nach Gerätegruppe) bis 100W über USB-C aufladbar sein müssen, nicht aber beispielsweise die mindestens mögliche Datenrate und die Notwendigkeit der Anwendung eines aktuellen „Standes der Technik“.
Was definiert wurde
Die EU-Richtlinie (EU) 2022/2380 (Common Charger) fokussiert sich auf:
- physische Schnittstelle: USB Type-C
- Ladefunktionalität: v. a. USB Power Delivery (USB-PD) bei Schnellladen
- Interoperabilität von Ladegeräten
Daraus ergibt sich eine Standardisierung wie folgt:
✅ Verbindlich:
- USB-C als Ladeanschluss
- Einheitliche Ladeprotokolle (USB-PD bei Fast Charging)
- Kompatibilität mit Standard-Ladegeräten
❌ Nicht vorgeschrieben:
- führender oder Mindest-Standard (USB 2.0 vs. USB 3.x vs. USB4…)
- Mindest-Datenübertragungsrate (!)
- Unterstützung von Video (DisplayPort Alt Mode) oder Netzwerkfunktionalität
Dass nicht der zu dem Zeitpunkt gängige Standard USB 3.2 gen 2 oder direkt USB 4 nicht als Mindeststandard oder zumindest Minimalanforderungen an Datenübertragungsraten und die Verwendung aller Pole festgelegt worden sind, ist ein riesiges Problem. Grade günstige Kabel oder Stecker sind so künstlich technisch in die Steinzeit katapultiert worden, obwohl sie in fancy Produkten verbaut worden sind. Warum? Aus Gründen der Kostenersparins auf Seite der Produzenten. Grade gut genug, um in der EU über den Ladentisch zu gehen.
Was der Markt daraus gemacht hat
Schaut man auf die meistverkauften Artikel bei Amazon, die „Grabbelkisten“ der letzten verbliebenen lokalen Elektronikanbietern oder das „Mal eben mitnehmen“-Regal bei Drogerien, findet man zwar häufig USB-C-Netzteile, Kabel und weiteres Equipment, allerdings erst im Kleingedruckten (wenn überhaupt) Informationen zur Übertragungsrate. Eigentlich hatte die Richtlinie zum Ziel, dem vorigen Chaos an unterschiedlichen Steckern und Buchsen Einhalt zu gebieten. Was nun aber passiert ist, ist für den Konsumenten nicht nur das Indikative Unterjubeln von vermeintlichen Mehrwerten (gleicher Steckeranschluss, weniger Geräte und Adapter nötig, einheitlicher Standard…) sondern zudem maximal gefährlich. Während vorher klare Normen die Stecker beschrieben haben, erfolgte hier zugunsten der Verbrauchertäuschung und Ersparnis auf Produzentenseite eine gefährliche Mischung zwischen einem vermeintlich sicheren, technischem Standard, echten Mehrwerten wie Vereinheitlichung und dem Öffnen von Hintertüren für Billigproduktionen.
Was gut ist: Die Richtlinie ist limitiert auf 100W Leistungsabnahme des Endgerätes. Allerdings wissen das Verbraucher nicht unbedingt. Und genau hier liegt neben unnötigen Investitionen, künstlicher Produktverteuerung (neuer Standard: USB-C – gleichbleibende Übertragungsraten) noch ein weiteres Risiko: Die Normung des Steckers. Würde ein Mindeststandard festgelegt werden, wäre man zwar in der Ausführung des Steckers weiter eingeschränkt, könnte aber auf bewährte Sicherheit setzen. Was passiert in der Praxis?
Unbedarfte Kunden – sagen wir technisch weniger affine Kunden – kaufen ein vermeintliches „Ladekabel“ auf Basis des Standards USB-C. Sie freuen sich über günstige Preise, bunte Gestaltung und einfache Handhabung. Was sie aber nicht im Blick haben, ist der Einsatzzweck dieses „Ladekabels“, das zumeist wirklich nur dazu entwickelt worden ist. Im Preissegment bis 20 € ist es durchaus üblich, dass Kabel und Stecker nicht gezwungenermaßen aktuelle Geschwindigkeiten von USB4 geschweige denn USB5 oder Thunderbolt 3+ leisten könnten. Warum? Meist sind nur wenige Adern innerhalb des Kabels belegt, teils sogar gefährlich billig verarbeitet. In der Kombination aus Netzteil, Kabel und Endgerät wird dem Konsumenten versichert, dass er oder sie ein Kabel eines aktuellen Standards (ugs. „USB-C“) erworben hat. Der Standard besagt, dass das ja bis 100W herstellerübergreifend funktionieren soll. Nun wird das USB-C-Kabel für z.B. 9,99€ nicht für das Handy für 10W-25W Ladeleistung sondern weil es praktisch ist und grade greifbar auch direkt für das Notebook oder Tablet verwendet. Hier fließen meist höhere Ströme, die Wärmeentwicklung ist höher und das Kabel mag vielleicht im ungünstigsten aber praktischsten Fall vom Endgerät angenommen werden, führt aber u.U. zu Schäden am Gerät, der Stecker wird ggf. zu heiß, da nicht alle Pins belegt sind.
Persönlich erlebt habe ich Netzteile, die zum Schmelzen der Anschlüsse in Bluetooth-Kopfhörer-Ladebuchsen geführt haben. Hier flossen keine hohen Ströme, aber das Kabel war zugegebenermaßen nicht das in der Packung Beiliegende. Warum auch – die Cross-Vendor-Kompatibilität wurde ja medial mehrfach attestiert.
Was wir daraus lernen können
Natürlich ist es wichtig, Innovation voranzutreiben – was übrigens beim Steckerformat von USB-C grade für kleinere Geräte bereits mehrfach bemängelt worden ist. Allerdings ist es gefährlich, Schein-Normen oder Teilstandardisierungen auf den Markt zu zu lassen, da dann eine gefühlte Sicherheit entsteht, die mehr Verwirrung als Mehrwerte schafft.
Vom Kauf von billigen Kabeln ist daher abzuraten – um sich selbst und seine Endgeräte zu schützen. Wichtig bleibt die genaue Prüfung auf einzelne Parameter, allerdings kann das nicht jeder Laie leicht erkennen, kennt vielleicht die Unterschiede oder Grenzen nicht – oder ist unbedarft und probiert aus, was geht. Wenn dann grade ein physisch passendes Kabel parat liegt, wird natürlich dieses genommen. Und eben diese Bequemlichkeit in Kombination mit Unwissenheit in der Masse führt zu hohem Risiko, wenn Standards nicht ausreichend beschrieben sind. Und unter Umständen auch zu ewig langen Datenübertragungen, wenn nur USB 2.0 statt mittlerweile möglichem USB 5.0 unterstützt werden, obwohl das oder die Endgeräte und Peripherie es unterstützen würde.
Übrigens: Auch die schicken geflochtenen USB-C-Kabel vom schwedischen Möbelhaus unterstützen nur 480Mbit/s. Hier steht das I scheinbar nicht für Innovation. Schade.
